bookonatable: Michael Hammerschmid, was ist ihr
Lieblingsgedicht?
Michael Hammerschmid: Es gibt ganz viele, aktuell fällt mir eines von Ernst
Jandl ein: „jetzt lege ich mich hin / weil ich müde bin / und tue als ob ich
schliefe / bis ich eingeschlafen bin“. Es gibt Gedichte, die hängen sich
ein, die gehen einem nahe und das ist so eines.
bookonatable: Kann man Dichten lernen bzw.
kann man, nachdem man eine deiner Vorlesungen [Michael Hammerschmid lehrt
Lyrik u.a. am Institut für Sprachkunst an der Angewandten und an der
Universität für Musik und darstellende Kunst] besucht hat, dichten?
Michael Hammerschmid: Nein. Vorlesungen können aber im besten
Fall inspirieren, Ideen geben, wir lesen Lyrik, setzen uns mit dichter Sprache auseinander,
und das schafft schon eine Basis, sich eigenständig eine Spur in die Literatur
zu bahnen. Aber natürlich kann diese Arbeit auch außerhalb der Universität stattfinden.
Man kann sie allein oder in einer Gruppe machen. Die Universität ist also eine recht
exklusiver Rahmen, aber natürlich keine Voraussetzung dafür, sich zur Schriftsteller*in
zu entwickeln.
Bookonatable: Woher nimmst du die Inspiration für deine Gedichte?
Michael Hammerschmid: Schwierig zu sagen, ich suche, wenn überhaupt,
die Inspiration eher unbewusst. Wenn ich genau wüsste, wie ich Inspiration
bekomme, dann wäre es zu leicht. Natürlich kommt viel durch das Lesen, aber
auch viel durch den Alltag, bei mir der Alltag mit Kindern. Dort lagern sich
manche Erfahrungen ab, die literarisch fruchtbar werden können.
Bookonatable: Bist du durch deine Kinder
in die Kinderlyrik „gerutscht“ oder hättest du ohne Kinder Gedichte für ein
erwachsenes Publikum geschrieben?
Michael Hammerschmid: Das ist eine Frage, die ich mir selbst schon
oft gestellt habe. Ohne Kinder hätte ich natürlich einen anderen Alltag gehabt,
der sich wahrscheinlich literarisch niedergeschlagen hätte, aber ich glaube
schon, dass die Kinderlyrik in mir angelegt war, bevor ich Kinder hatte. Ich
halte die Kinderlyrik für ein Gebiet besonders großer Freiheit, sogar Anarchie.
Die Erwachsenenliteratur scheint mir mit mehr Zwängen verbunden zu sein.
Bookonatable: Hast du es auch schon mal
mit Belletristik (Prosa) probiert?
Michael Hammerschmid: Ich schreibe schon ab und zu Kurzprosa,
aber über die Jahre hat sich gezeigt, dass mir die Lyrik am meisten entspricht.
Was für die Kinderlyrik spricht, ist, dass sie den anderen Textformen gegenüber
so offen ist, man kann Lyrik auch prosaisch oder dramatisch schreiben, man kann
in dieser Gattung sehr weit in die anderen Gattungen „ausstreunern“.
bookonatable: Seit wann schreibst du regelmäßig
und wie lange hat es gedauert, bist du von einem Verlag entdeckt wurdest?
Michael Hammerschmid: Ich wusste, seit ich ein kleines Kind war, dass
ich schreiben möchte. Es gab immer wieder wichtige Schreibmomente, die wie
Neuanfänge für mich waren, aber der wahrscheinlich ausschlaggebende Moment war
der, nach Beendigung meines Studiums [Germanistik, Theaterwissenschaften],
bei der Entscheidung, ob ich mehr in eine wissenschaftliche Richtung gehe oder mich
hauptberuflich dem Schreiben widmen möchte. Es hat dann noch einige Zeit gebraucht,
bis ich in Buchform veröffentlicht wurde. Besonders wichtig war der deutsche Josef-Guggenmos-Preis für Kinderlyrik, den ich 2018 bekommen habe und der vor allem in
Deutschland zu einer schönen Aufmerksamkeit für meine Arbeit geführt hat.
bookonatable: Welcher Ratschlag hat dir in deiner
Schreibkarriere am meisten geholfen?
Michael Hammerschmid: Hierbei handelt es sich zwar nicht um einen
Ratschlag, aber wenn das engere Umfeld einen Autor in seiner Tätigkeit ernst
nimmt und unterstützt, ist dieser Rückhalt mehr wert als gute Ratschläge.
bookonatable: Kannst du uns ein aktuelles
Kinderbuch empfehlen?
Michael Hammerschmid: Ich bereite gerade eine Sendung für Ö1 vor über
Erich Kästner und mich fasziniert an seinen Geschichten die Euphorie und die
Begeisterung der Kinder für einander. Das äußert sich nicht zuletzt in der
tiefen Solidarität der Kinder untereinander und in den entstehenden Freundschaften.
Kästner schildert starke Emotionen, die er sehr lebendig und mit ansteckender Fröhlichkeit
ausformuliert. Trotzdem er viele seiner bekanntesten Bücher in den 20er und 30er
Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben hat, wird Erich Kästner immer
wieder aufs Neue gelesen und gespielt. In seinen Texten findet sich etwas, das
die Menschen nach wie vor interessant finden und das sie in ihrer Zeit aktivieren.
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