In der Buchhandlung stehe ich vor einer Romantasy - Bücherwand. Meine Tochter wird 13 und hat mir für ihren Geburtstag eine ziemlich lange Buchwunschliste mitgegeben. Allen Titeln ist gemein, dass sie in englischer Sprache verfasst sind und ziemlich dramatisch klingen: Powerless, Reckless, Fourth Wing, Once Upon a Broken Heart, The Ballad of Never After und so weiter.
Es wäre sicher zu kurz gegriffen, ihre
Entwicklung aus der Schmuddelheft-Ecke in der Trafik mit den schnulzigen Bildern,
abzuleiten. Zu Recht gilt die Romantasy als eigenes Subgenre, dass sich aus der
Fantasy entwickelt hat und mit eigenen Tropes (erzählerischen Mustern), für
Spannung, hohe emotionale Einsätze und knisternde Romantik sorgt: „Enemies to Lovers“
(Feinde werden zu Liebenden), „Fated
Mates“ (schicksalhafte Gefährten), „Forced
Proximity“ (die Charaktere müssen aus zwingenden Gründen – etwa Quest,
Gefangenschaft oder Flucht - Zeit auf engem Raum verbringen, was die Annäherung
beschleunigt), „Fake Dating“ oder „Marriage of Convenience“ (eine vorgetäuschte
Beziehung oder eine arrangierte Ehe, aus der sich echte Gefühle entwickeln), „Hidden
Powers“ (Die oft als schwach oder "normal" dargestellte weibliche
Hauptfigur entdeckt, dass sie mächtige, lange unterdrückte magische Fähigkeiten
besitzt). Das ist nur eine kleine Auswahl, aber Fans des Genres kennen die
„Codes“ bereits aus dem Klappentext - und wissen genau, was sie erwartet.
Der
Buchmarkt verliert seine Leser spätestens in der 5. Schulstufe - bewusst wähle
ich hier die männliche Anrede. Spätestens ab zwölf - mit Ausnahme
eingefleischter Harry Potter-Fans, dazu komme ich noch, werden Handy, Gaming
und Netflix Serien interessanter als alles, was der Buchmarkt Jungs dieses Alters
zu bieten hat. So geht es nicht nur mir und meinen zwei Buben, die ich - was
das Lesen betrifft – genauso erzogen habe wie meine Tochter, so geht es allen
aus meinem Umfeld. Mag sein, dass es ein paar Ausnahmen gibt: Eltern die keinen
Fernseher haben, mit ihren Kindern im Wald leben oder so konsequent sind, dass
ihr Kind als einziges in der Klasse kein Handy besitzt. Hut ab - ich habe das
nicht geschafft.
Bei
Mädchen läuft das anders. Sobald die ersten romantischen Gefühle aufkeimen,
werden sie vom Buchhandel angefixt und mit Romantasy Büchern inhaltlich und
ästhetisch perfekt abgeholt. Der Austausch über die Bücher wird zu
identitätsstiftenden Gruppenaktivität, die sowohl persönlich als auch auf
Social Media zelebriert wird. Es ist wieder modern, Gefühle zu zeigen und nach
außen zu tragen. Vielleicht ist es auch ein unbewusstes Zurück in die
Geborgenheit der romantischen Beziehung, aber doch immer mit einer starken
Heldin in der Hauptrolle. Wo früher Abenteuer, exotische Länder und die
Freiheit gesucht wurden, findet die Protagonistin heute die große Liebe und
Rettung (vor) einer apokalyptischen oder fantastischen Welt.
Vor
allem die amerikanischen und deutschen Verlage haben hier die Nase vorne. In
der österreichischen Verlagsbranche hingegen herrscht im Bereich Jugendliteratur
und Fantasy gähnende Leere. Nichtdestotrotz gönnte sich der Buchhandel auf der
letzten Wiener Buchmesse eine eigene Halle für den Young-Adult Bereich, in der
auch die Romantasy prominent vertreten war. Der etwas seltsam anmutende
Widerstand österreichischer Verlage gegen dieses kommerzielle Genre sei
dahingestellt - das Geschäft machen derzeit andere.
Ich sehe mir das Buch in meiner Hand genauer
an und entdecke den Hinweis, dass dieser Roman ein „TikTok Bestseller“ ist.
Moment. Ich dachte TikTok sei böse. Da gibt es nur „Bullshit“, vor dem wir
Eltern unsere Kinder beschützen müssen? Spaß! 67! (wer dieses Meme noch nicht
kennt: „67“, englisch ausgesprochen und mit einer „Waage“-Handbewegung
begleitet, steht für „Ausgleich“. Warum die Kinder dabei kreischen, wenn sie
irgendwo die Zahl 67 sehen, müssen wir nicht verstehen).
Ich
bin natürlich nicht nur Mama, sondern auch Kinder- und Jugendbuchautorin in freudiger
Erwartung (auf die erste Veröffentlichung) und weiß natürlich, dass durch von
TikTok-Userinnen gegründete Buch-Communities (#BookTok) dieser Hype maßgeblich
mit ausgelöst wurde. Und ehrlich: ich bin verdammt froh darüber. Denn zumindest
liest das Kind. Und wenn es neben mir in der U-Bahn sitzt und beginnt, mit mir
gemeinsam Romantasy Ideen für ihre eigene Geschichte zu spinnen, dann kommen
mir wirklich die Tränen vor Freude (natürlich nicht vor ihr - das wäre echt
uncool).
Also Fazit: Romantasy - ja oder nein?
Auf
jeden Fall eine gute Sache. Die Qualität der Bücher mag variieren, aber die
Nachfrage bestimmt nun einmal das Angebot.
Was
ich mir wirklich wünschen würde, wäre ein vergleichbarer Hype, der auch Jungs wieder
zum Lesen bringt. Denn abgesehen von Harry Potter - diese Kinderfantasyreihe
mit Alleinstellungsmerkmal, die seit Jahrzehnten Buben wie Mädchen (auch
Erwachsene wie mich) begeistert - habe ich bislang nichts Vergleichbares
entdeckt, dass eine ähnliche Faszination auf Jungs ausübt oder vergleichbare Verkaufszahlen
wie in der Romantasy erreicht. Man kann über die Privatansichten von K.D
Rowling halten, was man möchte, aber ihr ist es zu verdanken, dass Generationen
von Kindern ihren Weg zu Büchern gefunden haben.
Ach, was würde ich mir wünschen, dass mich ein solcher Geistesblitz trifft – und ich ein solches „Buben-werden-zu-Lesejunkies“-Genre erfinden könnte.
Das
wäre eine absolute Win-Win Situation - für die Jungs und meine Geldbörse.

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