Interview mit Julya Rabinowich anlässlich ihrer Buchveröffentlichung: Mo&Moritz






Julya Rabinowich ist für mich persönlich sicher ein Role Model in der österreichischen Literaturszene. Sie bringt mit ihrer eigenen Lebensgeschichte Diversität in die österreichische Jugendliteratur und bereichert diese durch Themen wie Migration, Queer, Judentum und Identitätsfindung. Nach der Lesung ihres aktuellen Jugendromans „Mo&Moritz“, der von der ersten Liebe zwischen einem muslimischen und einem jüdischen Jugendlichen erzählt, auf dem Jugendliteraturfestival im Odeon, habe ich sie zum Interview gebeten.

bookonatable: Julya Rabinowich, deine Jugendromane über das Flüchtlingsmädchen Madina („Dazwischen: Ich“, „Dazwischen:Wir“, Der Geruch von Ruß und Rosen“) sind auch stark von deiner persönlichen Biografie inspiriert [Julya ist mit 7 Jahren von St. Petersburg nach Wien emigriert] wo hast du dir die Inspiration für Mo&Moritz geholt?

Julya Rabinowich: Ich muss da kurz anmerken: Ich habe lange in der Flüchtlingshilfe gearbeitet. Deshalb ist Madinas Geschichte zwar in Teilen parallel zu meiner – etwa was Sprachverlust und Landesverlust betrifft –, aber ihr familiärer Hintergrund ist stärker von den Erfahrungen geprägt, die ich in der Flüchtlingshilfe gemacht habe. Dort habe ich viele „Madinas“ kennengelernt.

Bei „Mo & Moritz“ war die Inspiration eine andere: der Friseursalon, in dem die Geschichte spielt, ist von einem realen Ort inspiriert. Besonders geprägt hat mich der Friseurmeister dort, seine Hingabe an die Arbeit und daran, seine Lehrlinge individuell zu fördern. Dort werden immer wieder Lehrlinge mit Migrations- oder Fluchterfahrung aufgenommen. Ich finde das wichtig, weil es an einer Stelle der Gesellschaft ansetzt, die sonst oft wenig Berührung mit solchen Biografien hat. Gleichzeitig erlaubt mir die Jugendliteratur auch, märchenhafte oder hoffnungsvolle Elemente einzubauen. Ich glaube, Jugendliche brauchen Hoffnung noch mehr als Erwachsene. Ein Jugendbuch muss nicht unbedingt ein Happy End haben, aber es sollte Möglichkeiten eröffnen – Figuren oder Momente, die einen besseren Ausgang denkbar machen.

Dazu hat mich in diesem Buch außerdem das Thema Trauma [Mo hat Schlimmes im Krieg in Syrien erlebt und ist mit seiner Familie nach Wien geflüchtet] aus einer anderen Perspektive interessiert. Bei Mo kommt noch etwas dazu: das Wissen, nicht der sein zu dürfen, der man ist. Dieses Sich-Schämen, weil man nicht den Erwartungen entspricht, und dann der Weg hin zur Selbstakzeptanz – das hat mich an seiner Geschichte besonders fasziniert.

bookonatable: Was ist deine Meinung über die heimische Literaturszene, insbesondere im Kinder- und Jugendbuch, ist sie divers genug? Bildet sie ausreichend die verschiedenen Kulturen und Realitäten von Kindern und Jugendlichen in Österreich ab?

Julya Rabinowich: Ich muss gestehen, dass ich während eines Schreibprozesses die Szene bewusst gar nicht so stark wahrnehme, weder in der Erwachsenen- noch in der Jugendliteratur. Wenn ich sie zu sehr wahrnehmen würde, würde mich das beim Schreiben eher behindern. Aber in den Zwischenphasen lese ich sehr gerne, was aktuell erscheint. Nur, im Augenblick schreibe ich gerade und finde keinen Raum für  das Lesen.

Aber aus dem, was ich mitbekomme – etwa durch Jurytätigkeiten –, würde ich schon sagen: Da ist noch Luft nach oben. Wenn die Qualität gleichwertig ist, dann haben diversere Geschichten definitiv meine Stimme, weil ich finde, dass verschiedene Lebensrealitäten stärker sichtbar gemacht werden sollten.

In Deutschland scheint mir migrantische Literatur insgesamt fixer verankert zu sein als in Österreich. Vielleicht, weil Deutschland andere gesellschaftliche Entwicklungen durchgemacht hat, während Österreich oft konservativer wirkt. Gleichzeitig ist es ein schwieriges Thema: Diversität darf nie das einzige Kriterium sein. Die Texte müssen gut sein. Alles andere wäre herablassend. Aber Stimmen nicht hören zu wollen, nur weil sie einem fremder sind, ist ein großer Verlust für die Literatur.

bookonatable: Wann hast du gewusst, dass Schreiben mehr für dich ist als nur ein Hobby?

Julya Rabinowich: Es war eigentlich nie ein Hobby. Ich wollte nur lange nicht erkennen, dass ich das Schreiben mehr liebe als mein anderes künstlerisches Arbeiten [Julya hat auch ein Hochschulstudium bei Christian Ludwig Attersee an der Universität für angewandte Kunst absolviert und malt, beide Elternteile waren/sind MalerIinnen]. Es war von Anfang an da. Schon als kleines Kind habe ich Geschichten erzählt. Ich habe gemerkt, dass ich damit Aufmerksamkeit erzeugen kann, und das hat mich hineingezogen.

bookonatable: Erinnerst du dich noch an deine erste Geschichte?

Julya Rabinowich: Ja, da war ich drei. Ich habe sie nicht aufgeschrieben, sondern nur erzählt – immer wieder. Es ging um einen Mann, der einen kleinen Baum in der Straßenbahn transportiert hat. Das hat mich unglaublich beeindruckt: dass ein Baum, der normalerweise in der Erde verankert ist, plötzlich Straßenbahn fährt. Ich habe daraus eine Geschichte gemacht, in der ich selbst mit diesem Baum fahre und für uns beide ein Ticket gelöst habe. Dann wurde die Geschichte immer wilder, schneller, fanatischer – bis schließlich die Polizei kam und mich am Bein gepackt hat, weil ich zu schnell gefahren bin. Es gab also schon damals Höhepunkt und Abschluss. Kein gutes Ende übrigens – das habe ich offenbar beibehalten.

bookonatable: Seit wann schreibst du regelmäßig und wie lange hat es gedauert, bist du von einem Verlag entdeckt wurdest?

Julya Rabinowich: In meinem Schreiben war ich zu Beginn sehr einsam: Ich habe nicht für ein Publikum geschrieben, sondern nur für mich. Erst später kam der Moment, an dem ich dachte: Oh Gott, das werden jetzt auch andere lesen und eventuell darauf reagieren – vielleicht liebevoll, vielleicht bösartig. Und das hat mich zuerst wieder eingeschränkt. Meine ersten Texte konnten so offen nur entstehen, weil ich eben nicht an Leserinnen und Leser gedacht habe. Hätte ich das von Anfang an getan, hätte ich sie wahrscheinlich nie geschrieben. Oder mit viel mehr Widerständen. Der Bonus der totalen Unschuld ist jetzt natürlich längst weg.

bookonatable: Welcher Ratschlag hat dir geholfen auf dem Weg zur hauptberuflichen Schriftstellerin und was würdest du heute einem/einer AutorIn am Beginn ihres Weges raten?

Julya Rabinowich: Es ist ein zweischneidiger Rat: Einerseits soll man an sich zweifeln, weil man sich sonst nicht weiterentwickelt. Andererseits soll man sich vertrauen, weil man sonst nie dort ankommt, wo die Geschichte eigentlich hinwill.

Wenn einen eine Geschichte zieht, sollte man ihr folgen. Wenn ein Lektor oder jemand, dem man vertraut, sagt: Das funktioniert nicht, dann muss man sehr genau in sich hineinhorchen. Manchmal stimmt die Kritik, auch wenn sie weh tut. Dann muss man überarbeiten. Und manchmal stimmt sie nicht – dann muss man seine Geschichte verteidigen.

Genau das ist mir bei meinem ersten Roman passiert. Meine erste Lektorin hatte mit vielem recht, und das Buch ist dadurch besser geworden. Aber bei einer Sache wusste ich: Wenn ich das ändere, verliert der Text etwas Wesentliches. Und da habe ich dagegengehalten. Diese Balance zwischen Offenheit für Kritik und Vertrauen in die eigene künstlerische Intuition ist sehr wichtig.

Dann habe ich noch ganz praktische Ratschläge: Man muss Texte einreichen. Für Stipendien, Preise, Anfängerförderungen, Publikationen. Bei Schreibwerkstätten mitmachen. Der Text muss in die Welt hinaus, sonst kann niemand darauf reagieren. Und wenn man abgelehnt wird, muss man weitermachen – auch wenn es weh tut. Wieder einreichen. Man weiß nie, warum eine Jury sich wie entscheidet. Deshalb darf man sich von Absagen nicht endgültig verunsichern lassen.

bookonatable: Kannst du uns ein aktuelles Kinder- oder Jugendbuch empfehlen, das dich begeistert?

Julya Rabinowich: Ich lese im Moment tatsächlich kaum aktuelle Jugendbücher, weil ich an einem neuen Roman arbeite und das Lesen und das Schreiben sich gegenseitig behindert. Einer meiner Lieblingsjugendbuchautoren ist Michael Ende und „Die unendliche Geschichte“. Sehr wichtig waren für mich auch Mira Lobe und Christine Nöstlinger.  Beide haben das Anderssein und Unterschiedlichsein auf sehr starke Weise thematisiert, und Mira Lobe war ihrer Zeit darin weit voraus. Ganz aktuell schätze ich alle Barthimäus-Bände. Am besten auf Englisch, der feine Witz geht in der Übersetzung ein bisschen verloren. Oh, und Reynolds "Ghost".

Mehr über die Autorin: Julya Rabinowich

 

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